Entkopplung durch IT

Die Informationstechnologie (IT) ist eine generelle Verfahrensinnovation mit weitreichenden Konsequenzen für den Einzelnen, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Wir sprechen mit Recht davon, dass die Industriegesellschaft im Laufe eines jahrzehntelangen Prozesses in eine Informationsgesellschaft umgewandelt wurde. Das gilt insbesondere für die reichen Länder des Westens und für die so genannten Schwellenländer. Die Entwicklungsländer werden folgen. Dieser Innovationsprozess wird auch sie früher oder später verwandeln. Arme Länder werden zu blühenden Landstrichen einer humanen Weltgemeinschaft und die Menschen werden von Not und Elend befreit und reifen zu selbstbewussten Individuen heran.

Diese Entwicklung, die sich bei theoretischer Betrachtung ergibt, könnte als Befreiung von vielen Übeln der Welt verstanden werden. Aber die Wirklichkeit stellt sich anders dar. Wenn man die Informationstechnologien in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt, sollte man besser den soziologischen Begriff der Entkopplung verwenden. Darunter wird ein Vorgang verstanden, der die Bindungen eines Systems an seine innere und äußere Umwelt lockert und das Ausmaß seiner Unabhängigkeit und Autonomie vergrößert. Es sind verschiedene Formen der Entkopplung zu unterscheiden. (Vgl. dazu W. Heilmann: Telemedien und soziale Prozesse, Thesen zur Informationsgesellschaft, Antrittsvorlesung 7.12.99, Universität Karlsruhe)

1.1     Die räumliche Entkopplung, die durch die Informationstechnologie im Arbeitsleben möglich geworden ist, hat z.B. die Telearbeit inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit werden lassen. War damit ursprünglich lediglich eine modernere Form der Heimarbeit gemeint, so ist jetzt praktisch jegliche Büroarbeit ein Teleprozess zwischen Menschen und Maschinen. Die unterschiedlichsten Kombinationen und Spielarten von Geräten und Verfahren haben dazu geführt, dass auch Menschen in benachbarten Räumen hauptsächlich mittels Informationstechnologie kommunizieren – und weit entfernte Stellen, die durch Weltmeere voneinander getrennt sind, arbeiten zusammen, als ob sie in benachbarten Räumen ihren Dienst verrichteten. Die Entfernung spielt also organisatorisch kaum noch eine Rolle: die Technik ist ubiquitär geworden.

1.2     Zu der damit verbundenen Unabhängigkeit vom Ort kommt die zeitliche Entkopplung der Teleprozesse, d.h., die größere Unabhängigkeit von Zeiträumen und Zeitpunkten. Es hat sich gezeigt, dass Menschen heute ihre Arbeitszeit und ihre Freizeit freier und besser einteilen können. Die Asynchronfunktion vieler Dienste und Geräte bewirkt zudem, dass die Kommunikation weltweit relativ unabhängig von den Zeitzonen erfolgen kann, in denen die Orte der Zusammenarbeit liegen. Man kann also sagen, dass die Informationstechnologie einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, modernen Menschen eine gewisse Platz- und Zeitsouveränität zu verschaffen. Wir sind in dieser Hinsicht freier geworden.

1.3     Eine dritte Dimension der Dezentralisierung, in der noch ein wesentlich höheres Maß von Befreiung liegen kann, wird durch die disziplinarische Entkopplung erreicht, die mit Teleprozessen verbunden ist. Der Mitarbeiter, der zu Hause oder unterwegs an seinem Computer arbeitet, tut dies zwar beileibe nicht ohne Überwachungsmöglichkeiten verschiedenster Art, aber doch in relativer Unabhängigkeit von seinen Chefs. Das hohe Maß an Selbstbestimmung, das Menschen in ihrer Freizeit längst erreicht haben, wird so auf das gesamte Berufs- und Geschäftsleben übertragen.

Unterstützt wird diese disziplinarische Entkopplung durch eine Reihe gravierender Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt: Teilzeitarbeit und „sabbaticals“ verkürzen die Anwesenheit und neue Vertragsverhältnisse – wie freie Mitarbeit – verwandeln die alten Arbeitsverträge in Vereinbarungen zwischen rechtlich Gleichgestellten.

1.4     Mit dieser Feststellung ist allerdings über den wirtschaftlichen oder sozialen Rang der Vertragspartner wenig ausgesagt. Aber aus soziologischer Sicht handelt es sich um einen noch weiter gehenden Entkopplungsprozess. Die soziale Entkopplung, unter der wir die Lockerung der sozialen Bindungen von Menschen zu ihrer sozialen Umwelt verstehen, geht weit über das hinaus, was in früheren Epochen möglich war. Zusammen mit den bereits angesprochenen räumlichen, zeitlichen und disziplinarischen Dimensionen der Dezentralisierung gewinnt der Mensch durch soziale Entkopplung in der Tat ein nie da gewesenes Ausmaß an Unabhängigkeit und Freiheit.

Also doch Befreiung durch Informationstechnologie?

Davon ist die Wirklichkeit aber weit entfernt, so dass Frank Schirrmacher im Klappentext seines Buches „Payback“ sogar fragt: „warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen“.