Unsere Vision für 2035: Bildungsfragen: Wie, was, warum?

November 2035:

Heute ist es selbstverständlich, dass das reformpädagogische Konzept „Fördern und Fordern“ wirklich in allen Bereichen des Lernens gelebt wird. Digitale Assistenten und die Bereitschaft der Lehrenden neue Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) in der Bildung zu nutzen, haben die Umsetzung dieses Konzeptes ermöglicht und geben inzwischen allen Menschen die Chance für lebenslanges Lernen.

 

Wie?

Die Digitalisierung, der Einsatz künstlicher Intelligenz, die Rolle der Lehrenden und die Eigenverantwortung für das Lernen und Lehren beantwortet die Frage „wie“.

Die Diskussion über technische Ausstattungen von Bildungseinrichtungen ist heutzutage zugunsten dieses Ansatzes in den Hintergrund gedrängt. An jeder Schule gibt es natürlich Systemadministratoren, die für das technische Funktionieren der digitalen Schule verantwortlich sind.

Auch die Lehrenden lernen lebenslang. Teil ihrer Ausbildung ist das Verständnis und die Anwendung von digitalen Werkzeugen. Die Unterstützung durch digitale Assistenten entlastet sie von administrativen und organisatorischen Aufgaben und gibt ihnen mehr Zeit, sich um die Entwicklung der Lernenden zu kümmern.

Für die Generation der „Digital Natives“ war es selbstverständlich, ohne Berührungsängste digitale Programmangebote nutzen, insbesondere auch die unter dem Schlagwort „Social Media“. Intuitive Oberflächen gestatteten einen einfachen Einstieg in Recherchemöglichkeiten, in Assistenzsysteme oder in Sprachübersetzer und nicht zuletzt in Computerspiele.

Heute gibt es ein geschärftes Bewusstsein für die Risiken dieser digitalen Angebote. Jedes Kind erwirbt einen Führerschein für die digitale Welt, bevor bestimmte Programme freigeschaltet werden, es gibt Schutzmaßnahmen, die Gefährdungen oder Entwicklungshindernisse (Stichwort: greifen lernen vor wischen lernen) für unbedarfte Nutzer vermindern.

Dieser Führerschein und die Schutzmaßnahmen sind ein Muss für die Nutzung digitaler Geräte und personenbezogener Daten.

Die dabei erworbene Kompetenz geht über die technischen Bedienerfähigkeiten hinaus und ermöglicht die souveräne Nutzung von Inhalten, das Verständnis von technischen Konzepten und die Umsetzung von Kommunikation in Technik und vice versa. Dieser Führerschein ist ein Stufenführerschein, der mit fortschreitendem Alter und damit fortschreitendem Verständnis der Kinder schrittweise erweitert wird.

Das allein reicht auch im Jahr 2035 nicht zur Umsetzung des Mottos Fördern und Fordern. Zusätzlich ist eine individuelle Betreuung erforderlich. Die Rückmeldung von Lernenden und an sie, das Tracking von Lernzeit und Lernerfolgen, die gezielte Reaktion und eine individuelle Unterstützung sind notwendige Voraussetzung.

Für Lernende, die zu Haus keinen Platz und keinen Ansprechpartner haben, werden in öffentlichen Einrichtungen Lernplätze angeboten. Zusätzlich zu dem benötigten Platz stehen auch Menschen zur Unterstützung und Beratung bereit.

Das hybride Modell mit Unterricht in kleinen Präsenzgruppen durch weniger gestresste Lehrer ist äußerst beliebt. Die Schüler freuen sich auf diesen Teil des Unterrichts und arbeiten kooperativ in kleinen, aber wechselnden Lerngruppen zusammen. Die Eltern erhalten von Zeit zu Zeit Präsentationen von einzelnen Lerngruppen. In vielen Schulen können sich Eltern als Experten für Themen stundenweise in Praxisprojekte einbringen.

Durch den persönlichen digitalen Assistenten spielt die technische Ausstattung in Bildungseinrichtungen nur noch eine untergeordnete Rolle.

Schnelle, unterbrechungsfreie Internetanbindungen sind inwischen selbstverständlich. Technische Hürden sind ausgeräumt und Programme können ohne Expertenwissen genutzt werden.

Mit individueller Betreuung, der Bereitstellung von Lernplätzen für einzelne Lernende und der Übergabe digitaler Assistenten an sozial schwache Familien leben Schulen ihre Eigenverantwortung aus.

Regeln

Bei der Aufstellung von Regeln mit Bindewirkung wird nicht mehr das Verhalten der Menschen, die Informatikexperten sind oder die Software nutzen, reguliert, sondern die Wirkungsweise der von ihnen geschaffenen Produkte.

An der Nutzung digitaler Geräte für Ausbildung und Bildung oder an der Vorgabe von Regeln, die bei der Nutzung eingehalten werden müssen, um Schaden oder Risiken nicht nur zu erkennen, sondern auch zu vermeiden, wird immer noch aktiv und erfolgreich gearbeitet.

Das gilt auch bei anderen persönlichen Daten wie Essens-, Trink- oder Freizeitgewohnheiten und erst recht bei den Themen Wissens- und Ausbildungsstand. Verstöße gegen das Persönlichkeitsrecht durch internationale Konzerne oder autokratische Staaten werden von Gerichten – national und international- schnell und wirksam geahndet.

Meilensteine auf dem Weg zum individuellen Fördern und Fordern sind gesetzliche und ethische Vorgaben wie die weiterentwickelte Datenschutzgrundverordnung oder die Vorschläge des Ethik-Rates.
Bei der Aufstellung von Regeln mit Bindewirkung wird nicht mehr das Verhalten der Menschen, die Informatikexperten sind oder die Software nutzen reguliert, sondern die Wirkungsweise der von ihnen geschaffenen Produkte. Dies gilt auch für Produkte im Bereich der KI, die sich selbst weiterentwickeln.

So können wir entspannt mit dieser Technik umgehen und sie zu unserem Vorteil nutzen.

Insbesondere ist die technische Entwicklung der digitalen Assistenten anerkannt, die eine geschützte Speicherung personenbezogener Daten ermöglicht und die Kontrolle durch den Benutzer selbst. KI unterstützt die Einhaltung von Regeln oder Vorgaben und hat die Schnittstelle zwischen Menschen und Maschine so vereinfacht, dass störenden Elemente und Barrieren in der Handhabung minimiert sind.

Die Möglichkeiten eines konsequenten Trackings von Personen wird für Organisation (Navigationssysteme, Kalender, …), für körperliche Aktivitäten (Schrittzähler, Puls, Schlaf, Blutdruck, …) und für automatische Notfallmeldungen bei Unfällen oder Stürzen genutzt. Der „Assistent“ wird als bequeme Unterstützung, Eigenkontrolle und Sicherheitssystem wahrgenommen.

Was?

Die Frage nach dem „was“ ist wieder in den Mittelpunkt gerückt: Analog zum Navigationssystem geht es um Positions- und Zielbestimmung. Ein zukunftsfähiger Bildungskanon, der den Maßstab für die zu vermittelnde Bildung setzt und die Rahmenbedingungen definiert, beantwortet das „was“. Der Bildungskanon setzt stark auf Kompetenzen. Soziale und ethische Kompetenz, sowie selbständiges Denken setzt mehr als Grundbildung und Grundwissen voraus. Deswegen kann man Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaft, Geschichte etc. nicht den KI-Anwendungen überlassen, die dies alles für uns erledigen könnten.
Ein fundiertes Wissen, das durch bewusstes Lernen und gezieltes Üben aufgebaut werden muss, bleibt wichtige Herausforderung für Lernende.

Wenn die Lernziele durch Eltern, Lehrende und Lernende definiert und verstanden sind, kann der Weg zur Erreichung dieser Ziele mit Unterstützung durch KI individuell auf den Lernenden zugeschnitten und vom digitalen Assistenten gesteuert werden.

Bildungsvorgaben sind nicht mehr so eng an regionale Erwartungshaltungen und Akzeptanzkriterien gekoppelt. Heute werden durch KI gezielt die Lernprogramme bereitgestellt, die angeleitet dabei unterstützen, individuelle Wissenslücken abhängig vom Zielort zu füllen. Der Assistent kennt den persönlichen Wissenslevel und liefert das Handwerkzeug, diesen Level gezielt anzupassen.

Er bringt den Schülern in deren eigenem Tempo bei, Texte zu strukturieren, Analysen durchzuführen, Fake News besser zu erkennen oder Recherchen durchzuführen zu selbstgewählten Interessengebieten etc. Die Organisation des eigenen Lernens und die Kommunikationsfähigkeit wird gefördert.

Zusätzlich werden Vorschläge für Arbeits-, Diskussions- und Freizeitgruppen bereitgestellt, in denen das Erlernte angewendet und vertieft werden kann. Diese Gruppen nehmen umso mehr den Platz der früheren Klassenverbände ein, je älter die Kinder sind. Sie sind notwendig, weil der digitale Assistent nicht die Begeisterung für einen eleganten Beweis, eine lückenlose Argumentation, eine geschliffene Rede oder eine schöne Handschrift wecken kann. Dafür wird die Kommunikation mit anderen Menschen gebraucht.

Ein fundiertes Wissen, das durch bewusstes Lernen und gezieltes Üben aufgebaut werden muss, bleibt wichtige Herausforderung für Lernende.

Und die Lehrerinnen und Lehrer?

Der Lehrende hat Lehrassistenten zur Verfügung, die eine Einstufung der Teilnehmer über Wissenslevel, Beteiligung und Auffassungsgabe unterstützen.

Wer steuert die Algorithmen, nach denen eine KI rechnet und auswertet? Welche Trainingsdaten werden verwendet und wie wird die Gefahr der Verzerrung durch diese Trainingsdaten minimiert?

Die Aufgabe der Lehrenden ist die Unterstützung, die Förderung und die Begleitung dieser Gruppen. Sie unterrichten weniger den Wissenserwerb, sondern helfen den Lernenden, das Lernen zu lernen und soziale Fähigkeiten zu entwickeln und zu üben. Außerdem sind sie diejenigen, die auch die soziale Umgebung des Kindes kennen und berücksichtigen.

Zusätzlich stehen Personen mit fachlicher Expertise für diese Gruppen zur Verfügung, die im Team mit dem Lehrenden die Lernenden unterstützen.

Die Vorbereitung für die Schulstunden ist für die Lehrenden effizienter geworden. Der Lernassistent nimmt die Auswahl der Diskussionsthemen zugeschnitten auf die Teilnehmer vor. Der Lehrende hat Lehrassistenten zur Verfügung, die eine Einstufung der Teilnehmer über Wissenslevel, Beteiligung und Auffassungsgabe unterstützen.

Die Lernenden bewerten den Lernbegleiter und seine Fähigkeit, die Gruppen zu motivieren.

Jede Schule hat den Ehrgeiz, durch gezielte Förderung der Pädagogen und durch geschickte Experteneinbindung selbst gute Noten zu erhalten.

Flexibilität und Eigenverantwortung sind die starken Treiber für ein hohes Gruppenniveau.

Mit diesem neuen Ansatz lassen sich die Lehrenden auch für ihre eigene, kontinuierliche Weiterbildung begeistern.

Unabhängig von den digitalen Assistenten für die Lernenden und die Lehrenden wird der Verwaltungsaufwand in den Schulen rund um Stundenplangestaltung und Beurteilungen durch KI-Systeme unterstützt. Ersatz im Krankheitsfall, Alternativangebote für die Lernenden oder Vorgaben für Lernmodule werden automatisch erstellt und an die Betroffenen gesendet.

Diese Entwicklung der letzten 2 Jahrzehnte wird auch systematisch wissenschaftlich begleitet. Es gibt leider aus der Vergangenheit nicht immer Vergleichsdaten.

Soviel kann man aber schon erkennen: Wissen und Lernfortschritt lassen sich pro Altersgruppe vergleichen und die Entwicklung analysieren. Spracherwerb von Fremdsprachen ist viel effizienter geworden. Die klassischen Lernfächer machen mit Internetrecherche, Filmen, Quiz und virtuellen Reisen den Schülern Spaß und die Anschaulichkeit der MINT-Fächer ist erheblich gestiegen. Darüber hinaus ist ausreichend Raum für Praxiserfahrung und eigenes Tun der Schüler.

Im Umfeld von „Schule“ als Erstausbildung führt die Nutzung all dieser Werkzeuge und die Erreichbarkeit so vieler Menschen zu einem Boom an Lernprogrammen, Lernplattformen und offenen Onlinekursen (MOOCs), die auch in der Erwachsenenbildung und für die berufliche Aus-und Weiterbildung eine wichtige Rolle spielen ohne die soziale Komponente durch Gruppenerfahrungen zu vernachlässigen.

 Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) macht vieles möglich, zum Beispiel:

  • die automatisierteErkennung von Situationen,
  • autonom agierende Maschinen,
  • und vor allem die automatisierte Auswertung von großen Datenmengen
    (Datamining). Das ist beispielsweise sehr hilfreich, wenn man im Internet nach Antworten auf Fragen sucht. Datamining macht Suchmaschinen zu Antwortmaschinen.

Wer steuert die Algorithmen, nach denen eine KI rechnet und auswertet? Welche Trainingsdaten werden verwendet und wie wird die Gefahr der Verzerrung durch diese Trainingsdaten minimiert? Solche Fragen sind Teil des dauerhaften gesellschaftlichen Diskurses und der mit dieser Entwicklung einhergehenden Kontrolle.

Warum?

Die wichtigste Frage für eine hohe Motivation zum Lernen ist das „warum“.

Der Konsens in der Mehrheit der Gesellschaft ist, dass Menschen jeden Alters gerne lernen, denn das Lernen von etwas Neuem fördert die Selbstverwirklichung und das Selbstbewusstsein. Die Zufriedenheit steigt durch die Erweiterung des eigenen Wissens. All das zusammen gibt das gute Gefühl, mitreden und mitmachen zu können.

Es gibt eine gesellschaftliche Übereinkunft, der Bildungskanon, welche Ziele die Lernenden als Kinder in der Schule haben.

Die Erwachsenen setzen sich die Ziele selbst. Gemeinsam ist der Wunsch, den Anschluss an die rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft zu behalten und ein begehrter Ansprechpartner für die Lösung sich ständig ändernder und neuer Anforderungen zu sein.

Wir sind heute im November 2035 nicht am Ende der Entwicklung.

Wir arbeiten immer noch daran, dass in Zukunft niemand von der Bildung vernachlässigt wird. In unserer Gesellschaftsvision soll sich kein Mensch und keine Gruppe digital oder insgesamt abgehängt fühlen.

Text: Jürgen Bartling, Christiane Eckardt

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Hier können Sie sich das „Manifest der Integrata-Stiftung zur Zukunft der Bildung: Neuorientierung für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz“ gerne als PDF herunter laden.

Das „Hintergrundpapier Manifest“ steht Ihnen ebenfalls als PDF zum Herunterladen zur Verfügung.

„Die Bildungslandschaft muss sich verändern. Zukunft bedeutet nicht nur schnelles vorankommen mit Themen der herkömmlichen Digitalisierung.
Die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz (KI) sollten dringend besser für die Bildung genutzt werden. Das hat für alle Zielgruppen deutliche Veränderungen zur Folge.“  Welche? Das Papier „Bildungslandschaft der Zukunft“ der SIG (special -interest-group) ZukunftBildung gibt erste Antworten hierauf, klärt über den Status Quo der KI sowie unserer Bildungslandschaft auf und formuliert Erwartungen an den künftigen Einsatz von KI für die Bildung. Um die PDF herunterzuladen, klicken Sie einfach hier.

 

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